Der Hallstätter See und seine Fischer

Wenn die meisten von uns schlafen, passiert auf dem Hallstätter See schon Großartiges

Die Chinesen schreckten nicht davor zurück, das kleine Städtchen Hallstatt in China nachzubauen. Doch zum Glück lassen sich Mensch und Natur nicht so einfach kopieren – und so fehlt dem Reich der Mitte etwas ganz Entscheidendes: die Hallstätter Fischerei, die von zwei Berufsfischern der österreichischen Bundesforste betreut wird. Ich durfte mit den beiden auf WILDFANG gehen und kann an dieser Stelle schon verraten: es war ein unglaublich beeindruckender Morgen!

Der frühe Vogel

Um 6 Uhr Früh treffe ich Max und Hubert vor der Fischerei, die den Verkaufsraum, das Büro und die Fischbearbeitung beheimatet. Es ist noch ganz ruhig in Hallstatt. Bevor es losgeht wird ein schneller Blick in die Mails geworfen, Kisten mit Eis werden hergerichtet und – nachdem das Wetter nichts Gutes verheißt – die Regenmontur hervorgeholt. Dann geht’s ein paar Meter über die Straße zu einer Holzhütte, wo das Boot schon auf seinen Einsatz wartet. Wer jetzt ein romantisches Holzboot mit Ruder erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Zu Zeiten der ersten urkundlichen Erwähnung des gewerblichen Fischfangs im Salzkammergut 1280 war dem sicher noch anders. Aber die historische Romantik wich der Arbeitsvereinfachung und das ist auch gut so!

Ein eingespieltes Team

6 Tage die Woche, von März bis Oktober, sind Fischereimeister Max und Fischereifacharbeiter Hubert draußen auf ihrem See. „Dort fühlen wir uns auch am wohlsten“, verrät mir Max beim Rausfahren. Und genau davon kann ich mich 3,5 Stunden lang eindrucksvoll selbst überzeugen. Die beiden sind ein eingespieltes Team, das mit Hingabe und Respekt zur Natur bis zu 150 kg Fisch – hauptsächlich Reinanken – aus dem See holen. Dazu nutzen sie sieben Schwebenetze zu je 70 m. Diese werden jeweils am Vortag auf 9 m Tiefe ausgelegt und durch schwere Steine befestigt. Die Tiefe wird durch Kanister reguliert, an denen Schnüre in entsprechender Länge befestigt sind. Die Netzmaschen sind in ihrer Größe so angelegt, dass nur Fische im Alter von ca. fünf Jahren im Netz hängen bleiben können, jüngere schwimmen einfach hindurch. Auf meine Frage, warum gerade fünf Jahre, antwortet Max: „Mit 5 Jahren hat der Großteil schon zweimal abgelaicht und so wird der Bestand gesichert.“

Wie werden Fische gezählt

Für die Bestandssicherung ist das Fischen essenziell. Denn die Reinanken aus Hallstatt sind Wildfang, d. h. sie ernähren sich ausschließlich von Plankton und es wird nicht zugefüttert. Die Nahrung ist begrenzt, daher droht bei einer Überpopulation die Gefahr der Verbuttung – der Fachbergriff für eine Wachstumsstörung. Ich blicke hinaus auf den See und frage mich, wie sich der Bestand in Zahlen in einem Gewässer definieren lässt. Einmal in Zweierreihe aufstellen und Durchzählen wird es bei den Reinanken eher nicht spielen. Max erklärt mir, dass der Fischbestand jedes Jahr mithilfe von Echolotung gemessen wird. Im Durchschnitt sind es 200 kg pro Hektar, und nachdem der Hallstätter See 860 Hektar groß ist, lässt sich leicht die Summe von ca. 172.000 kg berechnen. 1 kg steht für ca. 3 Fische, das heißt ca. 516.000 Fische leben im Hallstätter See.

Achtsamkeit und Respekt

Diese vielen, spannenden Infos verrät Max mir nebenbei, während er hochfokussiert seiner Arbeit nachgeht. Ein Netz nach dem anderen holen sie aus dem Wasser und befreien den Fisch aus den Maschen. Die Reinanke gehört nicht zu den Kämpfern und verharrt ruhig im Netz. Die Tötung erfolgt durch EINEN GEZIELTEN Schlag auf den Kopf. Ich versuche es selbst, da ich nur Zuschauen irgendwie als respektlos empfinden würde. Dass der Fisch so glitschig ist, ist mir bei Hubert und Max vorher keine Sekunde aufgefallen. Aber schlussendlich lege auch ich zwei Fische in die Kiste mit Eis.

Beim letzten Netz sagt Max etwas, das mich sehr berührt: „Bei unserer Arbeit geht es um die Achtung der Natur und der Tiere. Für uns alle geht es um den Respekt zum Produkt, wenn wir es zuhause oder im Restaurant verkochen und essen.“

Nach dem Fischen ist vor dem Fischen

Es ist kurz vor 9 Uhr und die Kisten sind voll. Die sieben Netze müssen jetzt wieder ausgelegt werden. Diese Handgriffe so „kuddelmuddelfrei“ zu beherrschen, beeindruckt mich sehr. Die Plätze zum Auswerfen wechseln Hubert und Max täglich. Dann läutet schon das Handy von Max. Während er mit der rechten Hand die Netze auswirft, nimmt er mit dem Telefon in der Linken die erste Bestellung des Tages entgegen. Als er auflegt, lacht er und sagt: „Da glaubt man, Männer wären nicht multitaskingfähig.“ Dann geht’s zurück zum Bootshaus. Mittlerweile ist mir trotz Skiunterwäsche ein bisschen kalt, wobei wir Glück hatten: der große Regen hat nicht eingesetzt. Wir bringen die Kisten in die Fischerei, wo jetzt die eigentliche Arbeit erst beginnt.

Hubert zählt zunächst die Fische und trägt die Stückzahl in eine Tabelle ein. Diese Dokumentation wird seit 1996 gemacht. Heute müssen die beiden 300 Fische von Schuppen befreien, ausnehmen, räuchern und für die Auslieferung und den Versand vorbereiten. Nach Wien werden die Fische beispielsweise per Post verschickt. Die ist praktischerweise direkt neben der Fischerei. Am nächsten Tag, bis spätestens 11 Uhr, treffen die Fische in diversen Küchen in Österreich ein und können verarbeitet werden.

Doch bevor all das geschieht, wartet einer der wichtigsten Kunden bereits vor der Tür: die Fischerei-Katze. Max filetiert einen Fisch und schneidet ihn in feine Streifen. Die Katze weiß genau, dass sie nicht rein darf, aber als Max raus kommt, steht ihr die Freude förmlich ins Katzengesicht geschrieben. Beim Ausnehmen zeigt mir Max noch eindrucksvoll, dass er bereits beim Angreifen erkennt, ob es ein Milchner (männlicher Fisch) oder Rogner (weiblicher Fisch) ist.

Ein (be)lohnendes Investment

Für mich wird es langsam Zeit, Abschied zu nehmen – aber natürlich nicht, ohne einen kleinen Teil des WILDFANGS mitzunehmen. Das Kilo hat mit € 29 seinen Preis, aber wir investieren in Qualität, unsere Umwelt, unsere Gesundheit und unsere Region. Und das ist eines der wichtigsten, nachhaltigsten und ganzheitlichsten Investments, die wir machen können. Ich habe die Fische noch am selben Abend gegrillt und sie waren eine Gaumen- und Seelenfreude.



DANKE Max und Hubert, dass ihr mich mit meinen Gummistiefeln mit auf euren See genommen und mir einen so wunderbaren Einblick in eure sinnstiftende Arbeit gewährt habt.


Website: bundesforste.at

 

Alles Liebe
Verena von wholehearted