Sandra Miller

„Und dann ist da noch der liebe Egoismus, der ganz groß aus mir heraus spricht.“



Sandra Miller ist seit 4 Jahren mit diversen Hilfsorganisationen in Krisengebieten weltweit unterwegs. Sie arbeitete über ein Jahr im Irak, war im Südsudan und in Malawi tätig. Trotz vieler Entbehrungen und Risiken ist es für sie die schönste Arbeit der Welt.



Was hat dich dazu inspiriert, für Hilfsorganisationen in Krisengebieten zu arbeiten?

In allererster Linie meine große Neugierde. Man liest über so viele schöne und weniger schöne Ereignisse, Kulturen, Menschen, Religionen, Erlebnisse und Naturwunder. Aber wenn man vor Ort ist, bekommt man ein bisschen ein besseres Verständnis für Situationen oder Gegebenheiten. Und dann ist da noch der liebe Egoismus, der ganz groß aus mir heraus spricht. Es stärkt und bestärkt, das Resultat seiner Arbeit zu sehen. Vor allem, wenn es um Menschen geht. In dieser Arbeit bekomme ich viel mehr zurück, als ich jemals geben könnte.

Was war dein allererster Job?

Nach der Krankenpflegeausbildung habe ich knapp zwei Jahre auf der Kinderstation im Krankenhaus gearbeitet. Danach begann mein Herz sehr laut zu sprechen und ich habe unterschiedliche Wege eingeschlagen.

Bereust du etwas aus deiner Vergangenheit?

Nein! Ich habe schon oft Entscheidungen zwischen zwei für mich „Extremen“ treffen müssen und habe mich eigentlich immer für die spontan kommende Idee und gegen die Komfortzone entschieden. Und es hat meinen Weg komplett geändert, auf positive Weise. Zwischendurch kam mir öfters der Gedanke, ich hätte nach der Matura doch etwas studieren sollen, wie Sozialarbeit oder Ähnliches. Nicht, weil ich nicht gerne Krankenschwester bin, sondern weil mir einfach im typischen Krankenschwesternalltag in Österreich irgendetwas gefehlt hat bzw. jetzt fehlen würde, würde ich dort noch arbeiten. Eine weise Frau hat mal zu mir gesagt, dass bei mir nicht das „Ziel“ das Ziel ist, sondern eindeutig „der Weg“. Und sie hat recht. Ich möchte keine Erfahrungen in meinem Leben missen. Gegebenheiten von früher würden mir heute in meinem Leben vielleicht nicht mehr so gut passen, doch zur gegeben Zeit war es gut für mich. Und ich habe ja das große Glück, so reich an Freiheit zu sein, dass ich mich jeden Tag neu entscheiden kann. Was gestern gut war und mich heute stört, kann ich morgen ändern, indem ich mich neu entscheide.

Wie sieht die erste Stunde deines Tages aus?

Puhhh, je nachdem wo ich bin. Aber eines ist gewiss, ich brauche „meine“ Zeit am Morgen, bevor ich mich in die Arbeit stürzen kann, obwohl ich ein absoluter Morgenmensch bin (und des Öfteren bin ich auch in Tanzstimmung). Das Erste, was ich an einem neuen Ort mache, ist mir einen „Lieblingsplatz“ für den (schlimmerweise oft Nes)Kaffee am Morgen zu suchen. Das war im Südsudan zum Beispiel ein Plastikstuhl vor dem „Haus“ mit Blick auf das umzäunte Gelände – und den Sonnenaufgang. Dabei träume ich noch ein bisschen vor mich hin, sortiere meine Gedanken, lese die Nachrichten und anschließend höre ich „good mood music“. Dann bin ich bereit für den Tag.

Wer oder was treibt dich an, wenn du nicht mehr kannst oder mal Zweifel hast?

Zweifel bezüglich des Sinns der Arbeit kommen zum Glück ganz selten, da man das Resultat der Arbeit sieht, aber dass einem mal die Puste ausgeht, geht schneller als einem lieb ist. Ich bin ein Glückskind, weil ich in jedem Projekt „Lieblingsmenschen“ gefunden habe. Diese Lieblingsmenschen hören zu, verstehen, motivieren, stehen mit einer Flasche Wein bereit oder zwingen einen einfach mal, die Arbeit beiseitezulegen. Sport zum Auspowern, Spiele mit dem Team zum Lachen, Malen und mit Farben spielen, auf der Gitarre klimpern und schreiben. Sind alle Gedanken, Ärger und Zweifel auf dem Papier, hat der Kopf wieder Platz. All das hilft, um abzuschalten und wieder neu zu starten. Meistens erfolgreich.

Was bedeutet dir Geld?

Ich würde lügen, würde ich sagen Geld sei nicht wichtig. Früher habe ich das gesagt, weil mir anscheinend nicht bewusst war, dass ich ja ausreichend Geld habe. Menschen haben mir gezeigt, was es bedeutet, kein Geld zu haben. Kein Geld für medizinische Versorgung, Unterkunft, Essen und Schulbildung. Geld ist mir wichtig, um meine Freiheit leben zu können. Jedoch brauche ich nicht mehr. Ich brauche keinen gut bezahlten Job, wenn mich die Arbeit nicht glücklich macht. Das Wichtigste ist, dass man von seiner Arbeit überzeugt ist, mit Herz und Seele dabei ist.

Welchen Stellenwert hat Authentizität in deinem Leben?

Authentizität ist für mich absolut wichtig. Wenn du in deinem Leben Herausforderungen und Situationen authentisch gegenübertrittst, entwickelst du Ideen und Strategien, die dich weiterbringen. Und plötzlich verwirklichen sich Situationen, an die du vorher nur in deinen Träumen gedacht hast.

Wem kannst du nicht genug DANKE sagen?

Dir, liebe Verena. Ich danke dir für deine treue und bedingungslose Freundschaft. Und ganz klar, meiner Familie und allen meinen Freunden. Zu wissen, dass sie immer für mich da sind und meine Entscheidungen vielleicht nicht immer verstehen, aber trotzdem akzeptieren und respektieren, ist ein Gefühl der Sicherheit. Dass sie mich nehmen, wie ich bin, mich immer wieder mit offenen Armen empfangen und mir verzeihen, wenn ich nicht immer bei allen wichtigen Ereignissen bei ihnen sein kann. Und dann sind da noch unzählige Menschen, denen ich an den unterschiedlichsten Fleckchen der Welt begegnet bin, die mich Vieles über mich selbst, andere Kulturen, über die Welt und über die unterschiedlichsten Möglichkeiten, als Krankenschwester zu arbeiten, gelehrt haben.

Glaubst du an Gott?

Nein, ich glaube nicht an Gott. Aber ich glaube. Ich glaube an das Leben und dass – auch wenn es manchmal aussichtslos zu sein scheint – jeder auf unterschiedlichste Art und Weise seinen Beitrag für eine friedliche, liebende Welt leisten kann. Obwohl ich nicht religiös bin, habe ich ein ganz starkes Grundvertrauen in das Leben und weiß, dass da irgendwas ist, das bei allem, was wir tun, ganz gut auf uns aufpasst.

Ein absolutes No-Go ist für dich ...

Lügen ... aber wirklich absolut!

Gehört den Mutigen die Welt?

Ja. Mut ist, seinem Herzen zu folgen. Folge deinem Herzen und habe den Mut seine Stimme wahrzunehmen. Dann stehen dir alle Türen offen – alle.