Schau nid so bled

Vom Helfen und Nichtstun

Eine wunderschöne Bucht im Süden Sardiniens. Sonne, weißer Sand und türkisfarbenes Wasser – fast wie in der Karibik, nur näher, und es gibt italienisches Essen. Letzteres ist ein absoluter Pluspunkt: Büffelmozzarella statt Gummikäse, Pasta mit Biss statt Nudelgatsch und Tomaten, deren Geschmack uns nicht mal mehr vertraut ist. Aber egal – zurück zur Bucht. Ich genieße meine Liege, lese ein sehr empfehlenswertes Buch („Einen Scheiß muss ich“ von Tommy Jaud) und erfreue mich meines Urlaubs. Seit einigen Minuten fällt mir ein herzzerreißendes Babygeschrei auf. Ich dreh mich um und sehe den kleinen Wurm, völlig verzweifelt in den Armen seines Papas.

Seine Mama versucht hektisch, das Tragetuch zu knoten, um den Zwerg aus der „Ruhezone“ zu bringen. Doch der sardische Wind und der aufkommende Stress machen es ihr nicht leichter. Das Tuch verheddert sich immer wieder. Als ich mich wieder meinem Buch widmen will, fällt mir dieser alte Mann neben mir auf. Er steht einfach nur da und starrt die kleine gestresste Familie an. Und als ob das nicht genug wäre, schüttelt er dabei immer wieder den Kopf. Ich beobachte ihn und kann es fast nicht glauben. Ja, wir sind am Strand und wollen unsere Zeit genießen. Aber dieses Baby schreit nicht, weil es uns ärgern möchte. Und seine Eltern lassen es auch nicht schreien, weil sie uns ärgern möchten.

Ich stehe auf, gehe zur Frau, lächle sie kurz an, und helfe ihr beim Knoten des Tragetuchs. Sie bedankt sich mit einem sehr erleichterten „Thank you so much“, nimmt den völlig fertigen Wurm und macht sich auf den Weg. Mein lieber Strandnachbar: Bled schauen und den Kopf schütteln hilft niemanden. Und wenn man schon nicht hilft, schaut man zumindest nicht bled.

Inspiration für Marken

Wer kennt sie nicht: die Situation in einem Geschäft, wenn man den Verkäufer nach etwas Bestimmtem fragt und der darauf entsetzt, mit weit aufgerissenen Augen „Na, na, das hamma nicht“ antwortet. Oder, wenn die Dame an der Rezeption auf eine Frage nur ein stöhnendes „Puuuuhhhhhh“ entgegnet. Das sind die Momente, in denen Marken bled schauen. Ok, wenn jemand in einem Sportgeschäft nach High Heels fragt oder im Hotel nach einem kostenlosen Upgrade in die Präsidentensuite, wären wir zu Diskussionen bereit. Aber hier geht es um ein Produkt, das man schon auf der Website des Stores gesehen hat oder um eine zweite Decke. Das „Na“ und „Puhhh“ macht aus Dingen und Dienstleistungen, die man zurecht erwarten darf, plötzlich eine Sichtung von Außerirdischen – so kommt es zumindest beim Kunden an. Und als Folge schaut er dann auch bled.

Erfolgreiche Marken haben keine Markenkontaktpunkte – sie führen Markenbeziehungen. Stellen wir uns Folgendes vor: Du hast Besuch von guten Freunden. Diesen ist nachts etwas kalt und sie bitten dich deshalb um eine zweite Decke. Würdest du mit einem genervten „Puhhhhhh“ reagieren?
Marken, die Kunden nicht nur als flüchtige, frierende Kontakte sehen, sondern als Freunde, denen es gut gehen soll, werden mit einem „Klar, ich kümmere mich darum“ antworten. Und jetzt stellen wir uns weiter vor, deine Gäste haben es sich mit ihrer zweiten Decke schon im Gästezimmer bequem gemacht, du klopfst leise an und gibst ihnen noch eine Wärmeflasche und wünscht ihnen eine gute Nacht. Gute Beziehungen entwickeln sich nicht von allein, sie bedeuten Arbeit und Aufmerksamkeit. Marken, die das verstanden haben, lassen ihre Kunden immer wieder bled schauen – aber aus unerwarteter Begeisterung.

Alles Liebe
Verena von wholehearted